Bigorexie

Viele Menschen haben von "Magersucht" gehört, einer Krankheit, die hauptsächlich junge Mädchen betrifft und die Wahrnehmung ihrer Körper verändert. Sie fühlen sich zu fett, obwohl ihr Körpergewicht bereits auf einem lebensbedrohlichen Tiefstand ist.

Wovon weniger Menschen gehört haben, ist die "Bigorexie", auch "Muskelsucht" oder "Adonis-Komplex" genannt. Manchmal auch als umgekehrte Magersucht betrachtet, ist dies eine Krankheit, von der größtenteils Männer betroffen sind: Sie fühlen sich zu schmächtig, egal wie muskulös sie bereits sind.

Was Sie wahrnehmen und wie andere Sie wahrnehmen.

Aber, im Gegensatz zur Magersucht, hat die Bigorexie oft das Problem, nicht als Krankheit erkannt zu werden. "Was ist falsch daran, stärker werden zu wollen?" sagt ein mancher. Nun, wenn Sie nie mit Ihrem Körper zufrieden sind, WIRD es zu einem Problem werden, da Sie sich NIE stark genug fühlen werden. Und dies führt zu Frustration, sozialer Vereinsamung und letztendlich zu Schaden an Ihrem Körper. Frustration, weil Sie sich immer minderwertig fühlen werden; sozialer Isolation, da Sie obsessiv trainieren und in schweren Fällen vermeiden werden, Ihren "mickerigen" Körper in der Öffentlichkeit zu zeigen; Schaden an Ihrem Körper, da Sie sehr wahrscheinlich zu hart trainieren und die Verwendung illegaler und möglicherweise gefährlicher Mittel probieren werden.

Wie können Sie feststellen, ob Sie an Bigorexie leiden?

Wenn Sie vier oder mehr dieser Punkte bejahen können, könnten Sie an Bigorexie leiden.

Wo kommt es her?

Die Symptome wurden zuerst in einer Studie im Jahre 1993 erkannt, aber es dauerte bis 1997, daß der Begriff "Muskeldysmorphie" geprägt wurde. Danach wurde die Krankheit als zu einer Gruppe zugehörig erklärt, die "körperdysmorphe Störungen" (KDS) genannt wird und im internationalen Verzeichnis von Krankheiten (ICD-10) unter F45.2 zu finden ist: "Die Patienten manifestieren anhaltende körperliche Beschwerden oder anhaltende Beschäftigung mit ihrer physischen Erscheinung".

Die Anerkennung als Krankheit folgte recht spät, was sehr wahrscheinlich daran lag, daß es bis vor ein paar Jahrzehnten hauptsächlich Frauen waren, die sich um ihre Erscheinung sorgten, während für Männer das Aussehen eine kleinere Rolle spielte. Heutzutage stehen Männer unter einem ähnlichen Druck wie Frauen, da nun auch sie ein Ziel von Werbung sind, die auf ihr Aussehen anspielt.

Dies unterstützt eine der wichtigsten Komponenten der KDS: geringes Selbstbewußtsein. Wer an einem niedrigen Selbstbewußtsein leidet, kann einen scheinbaren Defekt an sich feststellen und beginnen, sich wahnhaft damit zu beschäftigen, um letztendlich zu der Vorstellung zu gelangen, daß wenn bloß dieser Makel beseitigt würde, alles gut werden würde. Aber dies wird nich eintreten, denn diese Menschen dringen nie bis zum Kern des Problemes vor. Frauen die an einer KDS leiden lassen oft eine Schönheitsoperation nach der anderen an sich vornehmen, da immer dann, wenn ein Makel beseitigt ist, sie fast sofort einen anderen an sich entdecken. Menschen die an einer KDS leiden haben außerdem mit höherer Wahrscheinlichkeit Erfahrungen mit Angst-, Gemüts- und Eßstörungen.

Was kann man tun?

Erstes Gebot ist, daß Sie sich selbst tief in die Augen blicken und anerkennen, daß Sie ein Problem haben. Wenn Sie dieses Faktum nicht akzeptieren können, kann Ihnen kein Mensch auf der Welt helfen. Wenn Ihre Familie, Freunde oder Kollegen bereits versuchten, mit Ihnen über Ihr Problem zu sprechen, dann dürfte der Zeitpunkt gekommen sein, deren Sorgen nicht beiseite zu wischen, sondern ernstzunehmen und darüber nachzudenken.

Sobald Sie bereit sind, Hilfe anzunehmen, sollten Sie einen Psychiater, Psychologen oder den sozialpsychologischen Dienst Ihrer Gemeinde aufsuchen und Ihre Gefühle und Ihr Verhalten genau beschreiben. Denn sogar ausgebildete Fachkräfte haben manchmal Probleme damit, die Bigorexie als solche zu erkennen, da die muskulöse und gesunde Fassade den Sturm im Inneren des Körpers gut verbirgt.

Die Behandlung findet normalerweise als Verhaltenstherapie statt, bei der Sie lernen, sich und Ihren Körper zu respektieren. Dies kann durch Medikamente unterstützt werden, die das obsessiv-kompulsive Verhalten mindern.

Verweise

Muscle Dysmorphia in Weightlifters - Eine Studie von Roberto Olivardia et al. (in englischer Sprache)

Der Adonis-Komplex - Buch des Harvard-Professors für Psychiatrie Harrison G. Pope Jr. et al.

Süchtig nach Muskeln - Artikel bei Spiegel Online

Adonis-Komplex: Zwanghafte Eitelkeit - Artikel bei Netdoktor

Referenzen

Pope, H., Katz, D & Hudson, J. (1993). Anorexia nervosa and "reverse anorexia" among 108 bodybuilders. Journal of Comprehensive Psychiatry, 34,406-409.

Pope, H.G., Gruber, A.J & Choi, P. (1997). Muscle Dysmorphia: an underrecognised form of body dysmorphic disorder. Journal of Psychosomatics, 38 (6): 548-557.

Olivardia, R., Pope, H.G, Hudson J.I. (2000). Muscle dysmorphia in male weight lifters: a case control study. American Journal of Psychiatry, 157(8): 1291-6.

Leone, J., Sedory, E., Gray, K. (2005). Recognition and Treatment of Muscle Dysmorphia and Related Body Image Disorders. Journal of Athletic Training, 40 (4): 352–359.